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1. Weihnachtsfeiertag, 25. Dezember 2020

Mit Corona-Ohren neu gehört

„Es begab sich aber zu der Zeit…“ Die vertrauen Worte der Weihnachtsgeschichte mit den Ohren von 2020 zu hören, lohnt sich. Im Coronajahr gab und gibt es Einschränkungen persönlicher Freiheit, Anordnungen von ganz oben und daraus sich ergebende Zumutungen. Am härtesten treffen sie die Ärmsten. Die alles verlieren, wenn das Einkommen für eine Weile wegbricht. Die Männer und Frauen, die noch nicht genau wissen, wo sie sicher unterkommen, wo sie schlafen und bleiben können. Die Kinder, die nur in der Schule warmes Essen, feste Struktur, kindgerechte Förderung fanden. Die Alten, die nicht mehr Zuhause gepflegt werden können – und mit dem ersten Tag im heim enden alle persönliche Begegnungen, weil das Heim unter Quarantäne steht. Die Schwangeren, die allein entbinden. Die Demonstranten, die um ihre Grundrechte fürchten und sich in einer Diktatur wähnen. Und die Babys auf Moria. Sie alle stehen mir vor Augen, wenn ich 2020 in der Weihnachtgeschichte lese:

Jesu Geburt1 Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2 Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5 auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6 Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Das Coronajahr hat Kraft gekostet. Erst schemenhaft zeichnet sich ein Hoffnungsschimmer, ein Ende der Pandemie ab. Wie ein lange Nachtwache. Viele sind müde. Schaffen so gerade den Alltag noch, aber darüber hinaus? Da ist keine Kraft mehr. Nur Angst vor der Dunkelheit. Und manchmal, ganz unverhofft, ein Lichtblick. Kleinigkeiten gewinnen Bedeutung. Eine junge Alleinerziehende erzählte mir, dass sie am Ende war. Wochenlang das Kind erkältet, und zu den Großeltern bringen ging nicht wegen Corona… Am Tag, als sie ganz unten war, lag eine handgeschriebene Grußkarte im Briefkasten. Wie ein Engelsgruß.

8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9 Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Man merkt ja oft erst, wie wertvoll etwas ist, wenn es plötzlich fehlt. Umarmungen. Strahlende Gesichter. Zusammen essen. Und: Gemeinsam singen. Am 1. März fand der letzte Gottesdienst mit Abendmahl in der Gemeinde statt. Am 15. März der letzte Gottesdienst mit Gesang. Gott zu loben in gesprochenen Worten, das fällt mir schwer. Ich will dem Herrn singen! Und hätte schwören können, dass die Engel in der Weihnachtsgeschichte singen. Sie müssen ja singen, sie sind doch Engel. Gott lässt sich eben durch Gesang loben! Erstaunt lese ich 2020:

13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Mal sehen, wie es kommt! Wie viele Pläne wurden nur vorläufig gefasst dieses Jahr, im „Corona-Konjunktiv“. Manches Glück lag auch darin, das Leben so spontan anzunehmen. Wir verschieben die Hochzeit nicht, hat ein Brautpaar im Spätsommer entschieden. Wir machen es eben ganz klein. Die engsten Angehörigen auf dem Standesamt dabei, dann „Schichtwechsel“ und die engsten Freunde zu einem Spaziergang. Natürlich hat es dann ausgerechnet an dem Tag geregnet… Und auf den Fotos spiegelt sich im nassen Kopfsteinpflaster auch das Glück, den Moment genutzt zu haben. Die Liebe braucht kein perfektes Fest.

15 Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Eine letzte Beobachtung zur Weihnachtsgeschichte im Coronajahr. Da ist ganz schön viel kommen und gehen. Irgendjemand ist immer gerade unterwegs. Das deute ich so: Gott kommt in eine Welt, die immer in Bewegung ist. Gott, „die Ewige“, will nicht bloß aus der Distanz auf diese sich immer wandelnde Welt schauen. Gott kommt als Baby. Ein Baby verändert sich jeden Tag. Sichtbar. Wer Gott nahe sein will, Frieden finden will und Ruhe in dieser sich immer wandelnden, manchmal überfordernden Welt, der wird das Ziel nicht durch Festhalten eines bestimmten Zustands erreichen. Gott, „der Unwandelbare“, ist in die sich ändernde Welt gekommen. Nur wer die Veränderungen annimmt, statt sie zu bekämpfen, wird erleben: Gott ist da! In allem Wandel. Frohe Weihnachten!

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