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Dienstag, 29. Dezember 2020

Aus Josefs Sicht

In diesem Jahr fühle ich mich dem Josef ganz nah.

Ich male mir aus, wie er in "normalen Zeiten" in seiner Tischlerwerkstatt steht: er prüft gewissenhaft seine Hölzer, er misst sie exakt aus, er berechnet die Winkel und macht sich einen Plan. Still geht das vor sich, besonnen und unaufgeregt. Ich stelle mir vor, dass das so ganz seine Art ist, und dass Josef auch außerhalb der Werkstatt ganz ähnlich tickt. Er macht sich Gedanken, wägt seine Möglichkeiten ab, er rechnet sich seine Zukunft aus und hat wohl einen klaren Plan für sein Leben.

Und dann kommt ein Jahr, in dem alles durcheinander gerät, alles drunter und drüber geht. Nichts lässt sich mehr planen, nichts ist berechenbar, nichts ist verlässlich. Schon die Schwangerschaft Marias bringt alles in Bewegung. Und da spielt es keine Rolle, wie irdisch oder himmlisch man sie versteht, das erste Kind: das hat immer etwas Unberechenbares, Unverfügbares, ist eine ganz und gar ungewohnte Erfahrung. Unmittelbar vor dem Geburtstermin dann die behördliche Anordnung, sich in Listen einzuschreiben, Steuerschätzung. Josef muss sich mit der hochschwangeren Maria auf den Weg machen, das Leben nimmt keine Rücksicht. Und zu allem Überfluss kein Unterkommen in Bethlehem, alles geschlossen, kein Dach über dem Kopf, kein Bett. Auf nichts ist Verlass, immer kommt es anders. Und so stelle ich mir vor, wie Josef ziemlich durcheinander, unaufgeräumt und verloren im Stall steht, nicht mehr Herr seiner selbst ist.

Sie haben es längst bemerkt, ich lege meine eigenen Erfahrungen dieses Jahres in die alte Weihnachtsgeschichte. Es ist weniger Josef, es ist mehr mein eigenes Bedürfnis, die Dinge im Griff zu haben. Ich muss planen können, will wissen, wie es weiter geht, ich brauche Sicherheiten. Aber dieses Jahr wirft alles über den Haufen. Immer kommt es anders, nichts lässt sich verlässlich organisieren, weder Gottesdienste noch Familienfeiern, weder Gemeindeveranstaltungen noch der Urlaub, nicht einmal Weihnachten. Und das sind ja noch die geringsten Sorgen. Manchen entgleitet ihre wirtschaftliche Existenz. Da geht es um das finanzielle Überleben, um Mieten, um Kredite, um den Arbeitsplatz oder die Zukunft eines Betriebes. Und andere bangen um ihre Gesundheit. Die Infektionszahlen sind ungebrochen hoch und viele "Genesene" leiden unter Nachwirkungen der Erkrankung, wissen gar nicht, wann und ob sie wieder richtig gesund werden. Und die Unsicherheit, die alle permanent beschäftigt: wem meiner Lieben darf ich nahe kommen und wie nahe? Wie viel Nähe schenken wir einander, wie viel Abstand ist geboten? Und dabei ist es doch die eine Liebe, die beides fordert: vertraute Nähe und verantwortungsvolle Rücksicht...

Ich stelle mir Josef vor, wie er jetzt in der Nacht im Stall wacht. Müde ist er nach all dem, was hinter ihm liegt. Lange Wege kosten Kraft, Verwirrung zehrt an der Substanz. Josef hat die Laterne im Blick, sie darf nicht ausgehen. Darauf konzentriert er sich jetzt. Er lauscht hinaus in die stille Nacht. Vielleicht schnitzt er ganz beiläufig aus einem Ast ein Püppchen. Langam wird Josef ruhiger, die Anspannung lässt nach, er findet etwas zu sich. Er schaut das Kind an, wie es - improvisiert in einem Futtertrog - friedlich schläft. Dieses kleine Köpfchen. Das regelmäßige Atmen. Göttlich. Er lässt seinen Blick zu Maria gleiten, die erschöpft aber glücklich wirkt. Da wird es ihm erst bewusst: die Geburt ist überstanden. Ein neues Leben ist auf der Welt. Und mit diesem neuen Leben ein ganzes Universum an Hoffnungen, Wünschen und Möglichkeiten... Er hält die Luft an, sein Herz macht einen Sprung. Dieser Augenblick jetzt, ist er nicht einmalig, ganz besonders? So einfach, aber auf eine schlichte Weise unendlich wertvoll und wahrhaftig? Was braucht es eigentlich mehr in dieser Stunde? Ich stelle mir vor, dass sich tief in Josef eine Ahnung regt, dass alles, so wie es ist – zumindest für den Moment – auf eine ganz eigene Weise richtig und gut ist.

Ich habe solche Momente erlebt in diesem Jahr. Zum Beispiel im Frühjahr. Als die Ostergottesdienste abgesagt waren, hatte ich Trauernden angeboten, dass wir uns an Ostern im kleinen familiären Kreis auf dem Friedhof treffen können. Und da standen wir am Ostermorgen an einem frischen Grab, entzündeten eine Kerze, sprachen ein Gebet, gedachten des Verstorbenen, hörten ein kurzes Wort aus dem Osterevangelium. Da war er, dieser Moment inmitten der Krise, der auf einmal licht und dicht und voller Leben war. Voll an tiefem, wahrem, "göttlichen" Leben.

Auf kurzen Begegnungen lag, gerade wenn sie selten waren, eine ganz besondere Aufmerksamkeit, ein ganz eigener Glanz. Wir waren präsent, offen füreinander, neugiereig aufeinander. Da war ein achtsames Zuhören und Teilen. Ein verstehender, verbindender Blick über die Maske hinweg. Der Augenblick war kostbar, das kurze Gespräch unendlich viel wert.

Kein Singen im Adventsgottesdienst. Aber am Abend des Adventssonntages höre ich auf einmal die Trompete des Nachbarn, trete hinaus in die Abenddämmerung und genieße das duchdringende, im Garten geschmetterte: Tochte Zion, freue dich! Immer wieder solche überraschenden, unverfügbaren, geschenkten Augenblicke. Momente, in denen sich das Gefühl einstellt, dass mitten in der Pandemie etwas auf seine ganz eigene Weise gut und richtig ist. Spuren Gottes, der auf ungewohnten Wegen kommt...

Die Bibel erzählt, dass Josef in diesen verwirrenden, unruhigen Zeiten zu träumen beginnt. Wahrheiten wollen ans Licht. Andere Wahrheiten als die Richtigkeiten des Tages, die sonnenklar erscheinen und sich im Licht der Vernuft verstehen lassen. Die Wahrheiten der Nacht sind dunkel und leuchtend zugleich, so verborgen wie offensichtlich, so geheimnisvoll wie offenbar. Die Wahrheiten der Nacht lassen sich nicht fassen in der Sprache der Logik, nicht mit Metermaß und Winkelkreuz, sie haben ihre ganz eigene Sprache: Bilder und Visionen, Traumgespinste und Poesie, Ahnungen und Engelsgeflüster. So wenig die Wahrheiten der Nacht sich begreifen lassen, so sehr ergreifen sie uns. Sie ergreifen Josef in der Tiefe seiner Ängste, berühren seine Sehnsüchte und Hoffnungen, sie entdecken ihm, wie es um ihn steht, und weisen ihm Wege. In seinen Träumen erwacht Josef zum Sinn seines Daseins. Und auf einmal weiß er, dass er bei Maria bleiben muss. Dass sie ihn braucht. Er weiß, was seine Verantwortung ist. Er wird sie schützen, sie und das Kind. Er ahnt die Gefahr, die von Herodes ausgeht, und flieht mit den beiden. Dieser Josef folgt nicht mehr seinen Plänen, er folgt einer inneren Stimme, folgt Gottes Hinweisen und Zeichen. Der Planer entdeckt seine Intuition und findet andere Zugänge zur Wirklichkeit, zu einer tieferen und weiteren Wahrheit.

Ja, es könnte eine Chance sein, in dieser Pandemie heraus gerissen zu werden aus all den Vernünftigkeiten, den Routinen, den Plänen und Planungen, den fertigen Lebenskonzepten, den nicht mehr hinterfragten Selbstverständlichkeiten. Es könnte eine Chance darin liegen, auf die verborgenen, die nächtlichen, die stillen Stimmen zu hören, die lange ungehörten. Es könnte eine Chance darin liegen, neu nach dem Leben zu fragen, nach dem Wesentlichen, nach dem Eigenen und Eigentlichen. Und es könnte dran sein, die Lebenskontexte zu fliehen und zu meiden, die die zarten Aufbrüche und Anfänge des Lebens in uns immer wieder bedrohen und unterdrücken. Was sagen die Intuitionen, die Träume, die alten Sehnsüchte, was flüstern die Engel, was sagt Gott in diesen Zeiten?

Auch gesellschaftlich ist diese Frage dran: wen unterstützen wir mit unseren Subventionen? Was fördern wir? Worauf setzen wir, wie stellen wir uns unsere Zukunft vor - und die unserer Kinder? Was soll an erster Stelle stehen? Was sagt uns dazu die Weihnachtsszene, das Kind in der Krippe, angewiesen und schutzbedürftig? Wovon singen die Engel in der Heiligen Nacht?

In einem letzten Bild sehe ich Josef vor mir, wie er hinaus tritt in die sternenklare Nacht. Über ihm das Himmelzelt. Vertraut und bergend, und doch unendlich weit und tief. Unfassbar. Faszinierend und erschreckend zugleich. Der Mensch ist nichts angesichts der Milliarden Gestirne – und doch ist es der Mensch, der diesen Himmel schaut, in dessen Augen sich die Sterne spiegeln, und der die Weite aufnimmt in den Grund seiner Seele. Mein Josef weiß noch nichts davon, dass dieser Himmel in derselben Nacht über den Felder aufreißen wird, dass Engel singen und von göttlichen Geheimnissen erzählen werden. Das werden ihm später die Hirten berichten. Aber mein Josef ahnt bereits, dass es wohl weniger seine Pläne braucht, um mit Maria und dem Kind die nächsten Schritte zu gehen, sondern sein Dasein, sein Mitsein, sein Fürsein, seine Aufmerksamkeit, seine Liebe. Und wer weiß, denkt sich mein Josef unter dem Sternenzelt, vielleicht sind meine Wege, sind unsere Wege ja Teil eines größeren, eines geheimnisvollen göttlichen Plans?

Von Pfarrer Peter Geißert, evangelische Gemeinde in der Neckarstadt

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