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Heilig Abend, 24. Dezember 2020

Weihnachten ist geschenkt, aber nicht umsonst

Gastbeitrag von Dr. Marcus Held:

Dass Weihnachten geschenkt ist, bekommt unter Coronabedingungen einen ganz anderen Klang. Fast schon schien es als könnten wir uns Weihnachten sparen. Alles Geplante wurde mit einem - wenngleich berechtigten und nicht leichtfertigen - Fingerstreich hinfort gewischt - Weihnachten schien nun geschenkt zu sein, ganz im Sinne des 'Sich-sparen-können' und viele Worte wären damit einfach nicht gesagt worden - tröstlich in dem einen, schade im anderen Fall.

Bei mir kam ein wenig Panik auf, da ich mir nicht vorstellen konnte, wie ein solches Weihnachten aussehen kann, wenn wir als Gemeinde nicht zusammen kommen können. Wie können wir die Worte und Gedanken zuteil werden lassen - also schenken -, die uns die Bibel mit der Weihnachtsgeschichte geschenkt hat und die aktueller und nötiger sind denn je? 

Mir ist in den letzten Tagen klar geworden, dass dies für mich in diesem Jahr das Geheimnis von Weihnachten ist: Weihnachten ist uns geschenkt worden, ohne Wenn und Aber! Gott teilt sich uns mit. Er schenkt sich uns in dieser Geschichte und nimmt uns hinein in das Geschehen. Er schenkt uns seine Gegenwart durch die Weihnachtserzählung, die in diesen Tagen auf der ganzen Welt vernommen wird. Sie ist nicht umsonst erzählt und sparen sollten wir uns ihre Worte nicht. Sie schenken einen Hoffnungsschimmer in diesen durch Corona verdunkelten Tagen. Die Geschichte bringt uns Licht und Hoffnung. In Ihr wird Gottes Gegenwart uns zuteil - ganz umsonst! Durch sie gibt er uns Teilhabe an seinem Geheimnis, das unsere Realität in Coronazeiten auf heilsame Weise zu unterbrechen vermag.

Beate Heinen, eine Künstlerin, die zunächst Nonne war und dann ihrem Ruf nach künstlerischer Freiheit gefolgt ist, beschäftigt sich intensiv mit der künstlerischen Ausformung der Botschaften der Bibel. Ihr Bild »O Heiland, reiß die Himmel auf« hat mich sofort in den Bann geschlagen.

Das Bild von Heinen berührt mich zutiefst, weil es zeigt, wie uns durch Weihnachten ein Riss in der Realität geschenkt wird. Das gesichtslose Hetzen, das Getriebensein der Menschen, der scheinbar unaufhaltsame Strom von links nach rechts wird durch die Ansichtigkeit des Weihnachtsgeschehens durchbrochen. Nicht alles wird anders, doch es erscheint in einem anderen Licht. 

An Weihnachten fällt vielen deutlicher und klarer als sonst auf, wie zerrissen ihr kleines Leben und wie zerrissen die große Welt ist. Corona und die daraus sich ergebende soziale Isolation tut noch ein Übriges. Wenn Weihnachten das Fest der Liebe ist, tut es heute besonders weh, an zerbrochene Liebe zu denken, an geliebte Menschen, die wir u.a. durch Corona verloren haben oder nicht besuchen können. 

Dieser schmale Riss durch die Wirklichkeit, wie er durch die Geburt des Kindes in die Welt kommt, ist pure Hoffnung. Er macht Hoffnung auf das Licht von Weihnachten, welches von dem Kind ausgeht. Es ist als einziges vollständig im Licht bzw. das Licht geht von ihm aus. Wir erkennen aber, dass es von Maria gehalten wird, die wiederum schützend von Josef gehalten wird. Josef und das Kind durchbrechen durch ihre Körperhaltung die Bewegung der gesichtslosen, gehetzten Menschen. Auch Josef und Maria sind noch zum Teil ein Teil dieser gehetzten Welt, aber sie umschließen einen Schatz, der ein Licht in die Welt bringt. 

Wie Heinen uns vor Augen stellt, ist das Licht von Weihnachten weit mehr als wir sehen, aber es ist auch ein Teil von dem, was wir sehen. Die Liebe und Ruhe schwebt nicht über den Dingen der Welt, sondern unterbricht das Treiben. Die Liebe und Ruhe, die das Licht von Weihnachten ausmacht, ist ein Ruhepol, der sich aus der Liebe für- und zueinander speist. Maria hat diesem Licht das Leben geschenkt, wie es nun uns das Leben schenkt - und das ganz umsonst. Und auch Josef hat dabei eine wichtige Funktion: Er gibt Schutz und ist zugleich durch das Licht, welches vom Kind ausgeht, geschützt. Er selbst ist gehalten von der unsichtbaren Macht des Lichtes von Weihnachten. 

Wo Menschen einander so halten - und sei es auch aus der Ferne in Gedanken und Worten - , so füreinander da sind, so treu zueinander stehen in diesen schweren Zeiten, da leuchtet das Licht des Himmels hinein in unsere Wirklichkeit. Da reicht dieser schmaler Riss in unserer Wirklichkeit, der uns aus der Unruhe des Tages, aus der Unruhe unserer Gedanken und Nöte reißt, wenn wir diese unglaubliche Geschichte von Weihnachten hören.

Durch den Riss, an den uns Beate Heinen erinnert, wird etwas ans Licht gebracht, etwas, das vorher vielleicht irgendwie schon da war - aber eben nicht im Blick: Die Liebe und Ruhe des Kindes, das vermag den Himmel aufzureißen und eine Antwort darauf zu geben, was schon Friedrich Spee 1622 in seinem Lied »O Heiland, reiß die Himmel auf« anfragte: 

Wo bleibst du, Trost der ganzen Welt,
darauf sie all ihr Hoffnung stellt?
O komm, ach komm vom höchsten Saal,
komm, tröst uns hier im Jammertal.



O klare Sonn, du schöner Stern,
dich wollten wir anschauen gern;
o Sonn, geh auf, ohn deinen Schein
in Finsternis wir alle sein.

Wo der Himmel durch das Gewahr- und Innewerden des Risses in unserer Wirklichkeit, uns das Licht und die Ruhe des Kindes schenkt, kann der Himmel für uns aufreißen und uns mit Gottes Nähe beschenken. Der dunkle Riss von Corona, dieser dunkle Abgrund in unserer Gegenwart, kann dadurch seinen Schrecken verlieren.

Weihnachten schenkt uns die Liebe und Ruhe als Zusprechendes und Aufforderndes - und nichts ist umsonst im Lichte des Kindes und seiner Ankunft. Unsere Wirklichkeit wird durch dieses Geschenk des Lichtes vom Himmel nicht ganz umsonst zerrissen. Es holt uns zurück in eine heilvolle Wirklichkeit, die es unter den Haufen von gewollten und ungewollten Geschenken immer wieder zu entdecken gilt: Es ist das Geschenk des Lebens, welches nie umsonst ist! 

So ist uns Weihnachten als Riss in unserer Wirklichkeit geschenkt, aber eben nicht umsonst. 

(Ich danke Beate Heinen, dass ich ihr Werk "O Heiland, reiß die Himmel auf" mit allen Interessierten teilen darf.)

 

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