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Internationaler Frauentag, 8. März 2022

Gegrüßet seist du, Maria - Gastbeitrag

Gegrüßet seist du, Maria

Ich glaube, ich hatte einen recht fortschrittlichen Religionsunterricht damals, in den fünfziger Jahren. Ich erinnere mich noch sehr genau an den Satz: „Gott ist weder Mann noch Frau. Gott ist Geist.“ Vorstellen konnte ich mir das nicht, damals als Kind (und kann es genau genommen auch heute noch nicht), aber ich glauben wollte ich es gerne. Ich gab mir große Mühe.

Schon merkwürdig, dass, als ich mir allmählich die Welt der Kunst erschloss, dennoch immer, wenn ich Bild Gottes zu Gesicht bekam, ein Mann dargestellt war. Mal ein königlicher Herrscher, mal ein weiser alter Mann. Und auch in der sprachlichen Bezeichnung waren sich wirklich alle einig, alle Priester, die Eltern, die Lehrer, die Texte der Lieder und Gebete im Gesangbuch: Gott ist ein „ER“; ER segnet mich, IHN gilt es zu loben, ER ist unser Vater, unser Herr.

Als Kind nahm ich das so hin. Heute finde ich es schade, dass ich, da ich einen sehr unnahbaren, strengen und pedantischen Vater hatte, viele von diesen Eigenschaften auf Gott übertragen habe. Und heute macht es mich zornig und traurig zugleich, dass ich von vielen Menschen, Männern und Frauen, weiß, dass das Wort „Vater“ für sie ein Schreckenswort ist, das Erinnerungen an Gewalt und Misshandlung wachruft. Völlig ungeeignet, um damit einen liebenden Gott zu bezeichnen. Wie wohl hätte ich mich schon als Kind mit einem Bild von Gott als unserer Mutter gefühlt – meine Mutter war eine so liebevolle, warmherzige, fröhliche Person! So musste ich erst einen langen Weg gehen, durch Zweifel und Wüste, bis ich mir die Erlaubnis geben konnte, Gott als meine liebende Mutter oder meinen schützenden Freund oder als die allgegenwärtige Lebenskraft zu benennen und zu glauben.

Unzählige Male schon hatte ich, wenn ich die wunderschöne Dorfkirche meiner Heimatgemeinde besuchte, meinen Blick über die modernen Glasfenster wandern lassen, bis mir irgendwann einmal auffiel, dass ich dort ausschließlich Männer sah. Ich schätze und ehre durchaus die Vorväter unseres heutigen Christentums. Ich erkenne ihren Glauben, ihre Frömmigkeit und ihre bedeutenden Schriften und Werke an.

Aber ich bin eine Frau. Ich brauchte als Mädchen und ich brauche auch heute noch weibliche Vorbilder im Glauben, Frauen, die Frauenleben gelebt, in Frauenkörpern geglaubt, mit Frauenstimmen Gott gelobt haben. Ich habe mich auf die Suche gemacht, ich habe gelesen, gelesen, gelesen, ich habe heutige Gottesfrauen sprechen hören von unseren Vormüttern im Glauben, und ich bin glücklich, dass ich auf diese Weise viele Vorbild-Frauen gefunden habe.

Als ich heute Morgen die Kirche betrete, nicke ich den heiligen Männern auf den Fensterbildern nur kurz zu.

Dann aber wende ich mich der kleinen Ikone links auf dem Altar zu und schick ihr einen ganz besonderen Gruß. Wie schön, dass wenigstens du hier bist, Maria – einzige Frau unter all den bärtigen Männern!

Und heute male ich in Gedanken Bilder auf die großen weißen Wände rechts und links der Kanzel:

Von Eva und Miriam, Sarah und Ruth und Naomi, von Deborah und Elisabeth, von Anna und Maria von Magdala, von meiner Namenspatronin Monika und von Elisabeth von Thüringen und Hildegard von Bingen, von Katharina von Siena und Theresia von Avila, von Edith Stein und Mutter Theresa, Luise Schottroff und Dorothée Sölle…

Und auf die freien Flächen zwischen den Fenstern mal ich Bilder all der namenlosen Frauen, die seit Jahrhunderten und heute immer weiter in den Kirchen wirken, die ihre Zeit, ihre Kraft, ihren Glauben, ihre Weisheit und ihre Liebe in die Gemeinden geben. Als ich fertig bin, habe ich um mich herum ein buntes und ein wahres Bild unserer Glaubensgeschichte. Und ich wünschte, alle Männer und Frauen, die mit mir in der Kirche sitzen, könnten diese Fülle wahrnehmen und sich mit mir daran erfreuen.

Von Monika Baltes, veröffentlich auch im „Bartholomäusboten“ (ökum. Gemeindebrief Wahlscheid) in der LuK-LekTüre, 18. Ausgabe Mai 2006

Bei der beschriebenen Kirche handelt es sich um die ev. Bartholomäuskirche Wahlscheid.

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