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Mittwoch, 30. Dezember 2020

Aus Marias Sicht

Maria gehört ihrem Vater. Der ist mit dem Zimmermann Josef einig geworden – bald soll Maria ihm gehören. „Könnte schlimmer sein,“ denkt sich Maria. Josef ist zwar etwas steif und langsam, aber nicht grausam. Maria stellt sich vor, wie es wäre, wenn der Geist Gottes über Josef käme, sodass er tanzen und weissagen würde! Dann kichert sie, bis sie ermahnt wird, ihre Arbeit zu tun.

Maria ist schnell und beweglich, ihre Gedanken, auch sie selbst. „Wem gehöre ich wirklich?“, fragt sie sich. „Wo passe ich wirklich dazu?“

Und dann kommt ein Jahr, in dem alles durcheinander gerät, alles drunter und drüber geht. Kaum bekommt Maria ihre Periode und wird offiziell zur Frau, hören die Blutungen auch schon wieder auf. Maria kann nicht darüber sprechen, wie es dazu gekommen ist. Sie weiß: Solange sie nicht bei Josef wohnt, darf nicht passiert sein, was passiert ist. Maria läuft los, in die Berge, ihre Gedanken mit ihr, auf und ab. Ist ihr Leben vorbei? Oder beginnt mit dem fremden Leben in ihrem Bauch auch ihr Leben neu? So hat sie es von Gott gehört: „Er stößt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Der Bogen der Starken ist zerbrochen, und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.“ Hat dann vielleicht Gott…? Hat Gott Großes an ihr getan? Ja, so will sie es denken, so muss sie es denken – und während ihre Schritte leichter werden bemerkt Maria: So kann sie es auch denken. Sie denkt nicht zurück an die Erniedrigung, die ihr widerfahren ist. Maria versteht sich allein als Gottes Sklavin. Niemandem sonst gehört sie. Bei Elisabeth angekommen, freut sie sich. Auch sie, Maria, ist gesegnet. Gott hat sie auserwählt, die Begnadete, Begabte. Maria versteht ihr Anders-Sein, ihre Begnadung als Gottesgeschenk. Die Frauen singen: „Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes…“

„Ja, dann machen wir es so“, denkt sie lächelnd, als der Zimmermann Josef sie doch zu sich holt. Dann kommt die große Steuerschätzung, alle Welt steht Kopf und sie und Josef mittendrin. Anweisungen von oben, wie die umgesetzt werden sollen, ist zunächst noch gar nicht klar. Täglich gibt es neue Regelungen, normalen Alltag wird es so schnell nicht geben. „Normaler Alltag war sowieso nie mein Ding“, denkt Maria und hört, wie Josef leise flucht. Er braucht seine Routinen, seine Ordnung. Dieses Chaos, das ist nichts für ihn. Oder für die anderen. Alle schauen sorgenvoll drein. Maria ist nicht wie die anderen. Schnell und beweglich, ihre Gedanken, auch sie selbst. Rastlos, früher. Doch seit sie akzeptiert hat, dass alles von Gott kommt, ihre vielen Träume und Gedanken, ihre Schwangerschaft, der Mann an ihrer Seite, seither fühlt sie sich nicht so getrieben. Genießt es manchmal, das Gewimmel dieser chaotischen Zeiten zu betrachten. Was wohl als nächstes passiert, fragt sie sich dann gespannt. Auch als die ersten Wehen zu spüren sind und noch kein Dach überm Kopf. Auch als die Schmerzen stärker werden. Maria denkt an ihren Weg durchs Gebirge zu Elisabeth. Atmet und denkt: „Fürchte dich nicht!“ Atmet. Betet: „Dein Wille geschehe!“ Spricht sich selbst Mut zu: „Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären.“ Dann kommt der Punkt, an dem kann sie nicht mehr. Doch die Geburt läuft, ob Maria das nun meint schaffen zu können oder nicht. Noch einen Gedanken hat Maria: „Bei Gott ist kein Ding unmöglich.“ Dann presst sie.

Im Corona-Jahr 2020 war der Wegfall von Normalität für viele eine Belastung. Das Fehlen des Alltags war für manche auch eine Befreiung. Schule geschlossen, das hieß für manche Kinder auch, wieder freier und selbstgesteuerter lernen zu können. Die Fragen, Träume, Ideen nicht so klein machen zu müssen, dass sie in 45 Minuten passen. Und für die Kirche erst! So wie gewohnt konnte das Evangelium nicht verkündet werden. Wie viele Wege es noch gibt! Das zu entdecken, setzte viel Energie frei. Kreidebotschaften auf der Straße, Balkonkonzerte, Telefonketten, Briefe. Mit Hingabe und Freude packten manche Pfarrerinnen und Pfarrer Segenstütchen, bestückten mobile Ausstellungen am Kirchenzaun, schrieben drauf los. „Einfach drauf los“, dieses Lebensgefühl voller Vertrauen (sehr treffend die altmodische Wendung „aufs Geratewohl“) hatte Erlaubnis, sich zu entfalten. Maria verkörpert dieses Lebensgefühl, sie nimmt es, wie es kommt. Und singt dabei vom Umsturz der bestehenden Ordnung.

Maria ist eine Frau. Frau-sein – auch das war in diesem Corona Jahr Thema. Wie viel Geld Frauen ausgeben für Tampons und Binden. Und ob darüber gesprochen werden darf/sollte/muss. Wie viel Gewalt Frauen erleiden. Im ersten Lockdown wurde die Befürchtung geäußert, dass nun die häusliche Gewalt zunehmen wird. Weniger im Blick war, wie viel schwerer es für Gewaltopfer ist, Trost und Solidarität zu erfahren. Wenn eine Frau vergewaltigt wird und doch nicht die besten Freundinnen um sich scharen kann, um alles zu tun, was sie braucht: Zusammen um die Häuser ziehen oder daheim einigeln. Shoppen oder zusammen an den Strand fliegen. Was immer sie braucht um die Erniedrigung zu überleben. Um eines Tages wieder erhobenen Hauptes ihren Weg zu finden. Frauen, die schon einmal ein Kind geboren haben, kennen ohnehin das Gefühl von Kontrollverlust. Eine Geburt ist nicht planbar und nicht „im Griff zu haben“. Jeden Augenblick endet irgendwo die Kontrolle und ein neues Leben beginnt.

Eine Frage, die ich aus der Corona-Zeit mitnehme, ist: Wie gelingt Gemeinschaft? Wie kann jedes neue Leben dazugehören, Zugehörigkeit erleben, einen Platz finden auf der Welt bei denen, die schon da sind? Wie können jene, die Umsturzlieder singen mit solchen auskommen, die gern detaillierte Pläne schmieden? Wer oder was kann Zusammenhalt stiften? Im ersten Lockdown sah es so aus, als ob diese Corona-Krise ein Gefühl von Miteinander, von Zusammenhalt befördern würde. Alle gegen Corona! Doch rasch offenbarte sich darunter die Zerissenheit, die Vielfalt unserer Welt, in der die einen es eben so sehen und die anderen so, und, auch: der Egoismus. Die Hilflosigkeit, und viele Arten, damit umzugehen. Wer oder was kann all dies (theologisch gewendet: alle Sünden) überwinden und Gemeinschaft herstellen?

Ich stelle mir vor, wie Maria sich wundert und staunt: Über das Kind natürlich, das gestern noch ein Teil von ihr war und heute so ganz allein da liegt, ein Wunder. Und über diesen Josef an ihrer Seite. Der sie zu sich nahm und Rückgrat zeigte. Der wie sie nur schaut und schaut, auf das Heben und Senken des kleinen Leibes beim Atmen. „Dieses Kind“, denkt Maria sich, „bringt das Beste in ihm heraus. Als öffnete es eine Tür, als stellte dieses Kindlein Josefs Füße auf weiten Raum.“

Einige Zeit später beginnt Josef von den Träumen zu sprechen. Maria hört zu. Sie, die sich fragte, zu wem sie gehört, sie hat nun eine Familie auf Erden gefunden. Eine Herzensfamilie, in der es nicht um Blutsverwandschaft geht, sondern ums Angenommensein. Um Liebe. Die junge Frau, die begnadet ist, muss sich nicht mehr verstecken. Muss nicht mehr versuchen, so zu sein wie alle anderen. Sie darf leben, auch einfach drauf los. Ihre Gedanken, die Fragen, auch die Träume: Das darf da sein. Das ist von Gott. Alles das sondert Maria nicht länger ab, es eröffnet Wege in eine neue Gemeinschaft. Mit Josef, der nun selbst träumt. „Welche Träume wird unser Sohn wohl einmal haben?“, fragen sich beide. „Was wird er einmal spüren, wenn er die Blumen am Felde sieht, jede einzelne schöner gekleidet als Salomo, und doch morgen verwelkt? Wenn er in den Sternenhimmel schaut?

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