Evangelische
Petrusgemeinde
Mannheim Wallstadt

Aktuelle Meldungen

Montag, 18. Januar 2021

Metronome

Eine meiner klarsten Erinnerungen an den Musikunterricht am Gymnasium ist die „Symphonie der 100 Metronome“. Wir sollten alle ein Metronom mitbringen in die Schule und dann die Dinger auf das Zeichen des Lehrers losticken lassen. Die Idee war wohl, dass sich schöne Zufallseffekte ergeben, mal großes Durcheinander, dann wieder das zufällige Glück, dass alle zugleich ticken. Geklappt hat es natürlich nicht, sodass unser Lehrer nach drei (!) Stunden Metronom-Krach eine Schallplatte mitbrachte, auf der ebenfalls tickende Metronome zu hören waren. In der Stunde habe ich Briefchen geschrieben, deshalb weiß ich nicht mehr, was wir da hätten hören und lernen sollen.

Tatsächlich denke ich jedoch noch immer an jeder Ampel an meinen Musiklehrer, wenn die Blinker der Autos vor mir zufällig alle im Gleichklang blinken , bevor sich die Rhythmen wieder verschieben.

In diesem Januar 2021 denke ich ebenfalls an das Metronom-Experiment zurück. Die Stimmungen nach einem Jahr Corona schwanken bei mir zwischen Angst und Zuversicht, Einsicht und Unverständnis, Zufriedenheit und Rastlosigkeit. Ebenso erlebe ich es bei den Menschen um mich herum. Gerade in den online-Sitzungen und Besprechungen mit dem Ältestenkreis, mit Kolleg*innen. Immer schon galt: Wir ticken alle anders. Aber jetzt scheint die Tagesform, die Corona-Form eine größere Rolle zu spielen. Ab und zu ergibt sich eine Gleichzeitigkeit, viel, viel öfter ein lautes Klicken, in dem die einen sich nach Freiheit sehnen, andere mit den Entscheidungsträger*innen mitfühlen, wieder andere Zukunftsängste ausstehen. Und schon beim nächsten Treffen können die Rollen umgekehrt verteilt sein. Ich finde es schwer, sich aufeinander einzustellen. Einander auch auszuhalten.

Ich versetze mich zurück in die 8. Klasse, denke an das nervtötende Geticke im Musikunterricht. Damals habe ich einfach irgendwie ausgehalten. Und hätte Geld dagegen gewettet, dass ausgerechnet diese Lerneinheit mich ein Leben lang zum Nachdenken und aufmerksamen beobachten der Welt anregt. Insofern hole ich jetzt gar keine tief-geistliche Deutung hervor. Sondern versuche diese Zeit einfach auszuhalten, durchzuhalten. Weil sich eben manches erst viele Jahre später erschließt. Anderes nie: Warum wir in der darauf folgenden Einheit immer vom Musiksaal im 4. Stock hinunter ins EG laufen mussten, uns dort auf den Bauch legten und den Erdton summen sollten, darauf kann ich mir noch heute keinen Reim machen.

https://www.youtube.com/watch?v=abagwyaMavI

 

Zurück