Evangelische
Petrusgemeinde
Mannheim Wallstadt

Aktuelle Meldungen

Montag, der 11. Januar 2021

Noch mal: Barmherzigkeit

Ob es dann im Februar besser wird? Ob es wirklich so ist, dass Geduld jetzt dann umso früher mit Wiedersehensfreude belohnt wird? Die zweifelnden Stimmen sind lauter geworden, in der Gesellschaft, in unserer Gemeinde, in mir. Ich für meinen Teil bemerke, dass ich mich noch nicht ganz erholt habe von der Erschütterung des Vertrauens im November. Da wurde es nicht besser, kein bisschen besser, jeden Tag so viele Ansteckungen. Da war schon klar: Das heißt bald auch viele Tote. und doch geschah wochenlang nichts. Ich konnte es nicht verstehen, verstehe es noch nicht, warum da nicht gleich die Schulen, die Läden geschlossen und das gesamte Leben herunter gefahren wurde. Im Frühling, da war alles neu, da war mir irgendwie klar, dass erst einmal ausprobiert werden muss, was funktioniert. Dass manche Reaktion sich vielleicht als überzogen erweisen würde. Und andere als zu wenig wirkkräftig. Im Spätsommer, als die Zahlen zunächst in Berlin hochgingen, dachte ich: „Gut, dass wir jetzt wissen, was nun zu tun ist.“ Jetzt bin ich mir nicht so sicher, was aus dem Frühling gelernt und behalten wurde. Die Kassiererinnen werden jedenfalls nicht mehr als Heldinnen gefeiert, sondern angeschnauzt wie eh und je. Die Polizistinnen ebenso. Den Pflegern rollt auch niemand einen roten Teppich aus. Und noch immer fühlt sich Homeschooling teilweise an wie eine Reise in die 80er Jahre. Und wenn ich mich dann so aufrege, dann sagt eine Stimme in meinem Kopf: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist. Und richtet nicht, so werdet ihr auch nicht gerichtet. Verdammt nicht, so werdet ihr nicht verdammt.“

Das kommt von dem verdammten Theologiestudium, möchte ich mich dann richten. Doch ich beschließe, lieber barmherzig zu sein mit mir. Und (wenigstens bis zur nächsten Wahl) die gewählten Vertreter*innen und die von ihnen beauftragten Beamt*innen das ihre tun zu lassen. Und derweil das meine zu tun: Für sie beten und ihre Ordnungen respektieren.

Schließlich bin ich als Amtsträgerin der Kirche genauso darauf angewiesen, dass nicht nur die genervten Stimmen erklingen und verurteilen: „Auf Gottesdienste verzichten? Das geht gar nicht. Die Kirche hätte doch wirklich im Frühling lernen können, was zu tun wäre. Stattdessen Schweigen im Walde. Und die Videobotschaften der Kirche fühlen sich auch an wie eine Reise in die 80er Jahre.“

Wir sind alle auf Barmherzigkeit angewiesen.

Zurück