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Sonntag, 27. Februar 2022

Nachruf auf ein Vorbild

Gerd war der beste Jugendfreund meines Vaters. Die katholische junge Gemeinde in Köln war ihre gemeinsame Basis. Dort lernten beide ihre Frauen kennen (wobei Gerd zunächst mit dem Gedanken spielte, Priester zu werden). Er wurde stattdessen Lehrer und Vater zweier Söhne und Mittelpunkt der Clique ehemals junger Katholiken, die auch als nicht mehr ganz so junge Familien beisammen blieben. Diese Clique meiner Eltern hat meine Kindheit geprägt. Die bühnenreifen Aufführungen mit Lied-Umdichtungen zu den 40. Geburtstagen. Die gemeinsamen Fahrten und Ausflüge. Natürlich Karneval. Und die ersten Scheidungen, die Fliehkräfte der sich verändernden Zeiten, Streit. Manche konnten nicht mehr mit den neuen Partnerinnen der anderen, die Gruppe franste aus. Doch in der Mitte blieb Gerd, solidarisch, freundschaftlich und einladend für alle. Die Trennung meiner Eltern war eine, welche die Gruppe besonders herausforderte. Doch meine Mutter war bei Gerd auch nach ihrem Coming-Out immer willkommen - ohne dass dies in irgendeiner Weise die uralte Männerfreundschaft zwischen ihm und meinem Vater gefährdete.


Bei Gerd willkommen zu sein, das war freilich nicht schwer. Er lebte Gastfreundschaft. Mein Vater pflegt zu sagen, dass "Krethi und Plethi" dort campierten. Wann immer einer in der Klemme war, ein ehemaliger Schüler, ein Freund der Söhne, wer auch immer: Bei Gerd war offenes Haus. Ganz besonders am Karnevalssonntag. Gerds Haus lag direkt am Zugweg eines kleinen Vorort-Karnevalszuges in Köln. Das hatte für mich als Kind zwei Vorteile: Erstens flogen die Süßigkeiten direkt durch die geöffneten Fenster ins Haus, zweitens liefen bei einem solchen Vororts-Umzug natürlich vor allem Menschen mit, die den Nachbarn und Lehrer Gerd gut kannten - und deshalb doppelt und dreifach Süßigkeiten warfen.

Karnevalssonntag, das hieß: Etwas zu Essen fürs Buffet mitbringen und um die Mittagszeit aufschlagen. Die Haustür stand dann bereits weit offen, die Zimmer im Erdgeschoss waren freigeräumt und bunt geschmückt. In der Küche ein großes jeder-bringt-was-mit-Buffet, ein Fass Kölsch und eine kleine Getränke-Spenden-Kasse. Vor dem Klo eine Schlange. Unter den kostümierten Menschen, die ein und ausgingen, gab es bekannte ebenso wie neue Gesichter. Ich durfte immer eine Freundin mitbringen, wenn ich wollte. Die anderen Kinder genauso. Es war herrlich. Und es wurde getanzt! Auf kölsche Art: Ein schunkelnder Kreis, der sich immer gern öffnet, wenn jemand hinzukommen mag. Dann wieder Freestyle oder in Paaren.

Einmal habe ich dort ein Wunder erlebt, ein echtes Karnevalswunder. Etliche Jahre nach der Scheidung meiner Eltern ergab es sich einmal, dass mein Vater und meine Mutter beide gleichzeitig am Karnevalssonntag bei Gerd waren. Meine Mutter tanzte mit ihrer Partnerin, mein Vater auf kölsche Art im Kreis. Ich war draußen im Hof und schaute durchs Fenster hinein. Ich sah, wie der Kreis sich auflöste, neue Paare entstanden. Auf einmal tanzte mein Vater mit der Freundin meiner Mutter! "So ist Versöhnung", summte ich innerlich, "so muss der wahre Friede sein."

Gerd war Christ. Das habe ich immer gewusst, ohne dass ich mich daran erinnern könnte, woher ich es wusste. Er warf nicht mit Bibelsprüchen um sich, schon gar nicht mit Moral. In seinem Haus waren die Wände nicht mit Kreuzen oder Heiligenbildern gepflastert. Ich kann mich nicht einmal erinnern, ob wir auf den Segelfreizeiten oder bei Wochenenden in der Jugendherberge jemals zusammen in die Messe gegangen sind. Und doch war immer spürbar, dass Gerd nicht einfach so herzlich und hilfsbereit und gütig war, sondern aus einer tiefen Verbundenheit mit Gott. Er folgte so offensichtlich Christus nach, dass es keiner weiteren Worte bedurfte.

Für mich war er ein Vorbild. Ich bin wohl auch seinetwegen in der Studentengemeinde gelandet, öffne wohl auch seinetwegen immer gern mein Haus für Wiedersehenstreffen der alten Clique und wann immer es sich ergibt auch für Menschen in Not. Ich wünschte, dass es mir wie Gerd gelänge, meinen Glauben so zu leben, dass ohne viele Worte klar ist: Hier folgt eine Christus nach.

Nur etwas Negatives hab ich zu sagen: Gerd konnte sich nie meinen Namen merken. Für ihn war ich "Anne", nicht "Anna". Schwamm drüber, lieber Gerd. Ich trage es dir nicht nach. Ruhe in Frieden!

 

 

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